Wie neurodivergente Menschen beschrieben werden wollen, hängt oft von sprachlichen Konventionen ab. Es gibt unterschiedliche Ansätze:
Person-first Language (auf Deutsch „Mensch-zuerst-Sprache“) ist eine Sprachweise, bei der die Person immer vor eine Eigenschaft, Diagnose oder Behinderung gestellt wird. Das Ziel ist, die Menschlichkeit und Individualität einer Person hervorzuheben und sie nicht auf einen Zustand oder eine Eigenschaft zu reduzieren.
Beispielsweise sagt man „Person mit Behinderung“ statt „behinderte Person“. Damit soll gezeigt werden, dass die Person nicht durch ihre Behinderung definiert wird, sondern dass die Behinderung nur ein Aspekt ihres Lebens ist. Diese Sprachform entstand als Reaktion auf die Entmenschlichung und Stigmatisierung von Menschen mit Behinderungen und soll Respekt und Würde fördern.
Identity-first Language (auf Deutsch „Identität-zuerst-Sprache“) ist eine Sprachweise, bei der die Bezeichnung oder das Merkmal, das eine Person auszeichnet (z. B. Behinderung, Diagnose oder neurodivergente Eigenschaft), vorangestellt wird und als wesentlicher Teil der Identität gesehen wird.
Beispiele sind Ausdrücke wie „autistische Person“ oder „behinderte Person“. Befürworter dieser Sprachform argumentieren, dass das Merkmal ein integraler und stolzer Teil der Identität der Person ist und nicht als etwas Negatives oder Sekundäres versteckt werden sollte. Die Identität-zuerst-Sprache betont somit das Selbstverständnis und die positive Anerkennung der eigenen Merkmale.
Welche Sprachform bevorzugt wird, ist individuell und sollte respektiert werden
Warum ist das Thema hochaktuell?
Die gesellschaftliche Wahrnehmung von Neurodiversität hat sich in den letzten Jahren grundlegend gewandelt. Anstelle pathologisierender Perspektiven setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass neurodivergente Menschen nicht „geheilt“ oder „angepasst“ werden müssen, sondern als wertvoller Teil einer vielfältigen Gesellschaft anerkannt werden sollten. Besonders Menschen, die sowohl neurodivergent als auch queer sind, erleben oft doppelte Diskriminierung und finden nur schwer passende Unterstützung.
Kritiker*innen des traditionellen Pathologie-Paradigmas fordern, dass nicht neurodivergente Menschen sich anpassen müssen, sondern dass sich gesellschaftliche Strukturen ändern sollten, um Vielfalt zu ermöglichen. Der Diskurs über Neurodiversität ähnelt der Queer-Bewegung: Beide stellen gesellschaftliche Normen und Marginalisierungen in Frage.